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Man muss sein Glück erzwingen im Leben

Torwartlegende Sepp Maier hält nichts davon, Vergangenem nachzutrauern. Er sieht sich als Glückskind – Tag für Tag. 


„In meinem ersten Leben habe ich nur für den Sport gelebt.“

Um den heißen Brei herum zu reden war noch nie sein Ding. Seine selbstbewussten Sprüche wie „Ein Tormann muss Ruhe ausstrahlen, er muss nur aufpassen, dass er dabei nicht einschläft“, oder „Ein Muskelprotz ist gut fürs Mannschaftsfoto, aber nicht fürs Tor“, sind inzwischen genauso legendäre wie „Klinsmann ist ein linker Schleimer“ und „Bin I Radi, bin I Depp, König ist der Maier Sepp!“.

Der mittlerweile 73jährige ist nach wie vor davon überzeugt, mit Ehrlichkeit glücklicher zu leben. „Auch wenn es einigen Leuten nicht passt, was man sagt – ich lasse immer raus, was ich denke. So als spontane Reaktion.“ Ehrlich sollte man schon sein, so viel steht für den Fußballhelden fest, und dabei immer seine Meinung sagen. Auch wenn man nie wisse, ob es letztendlich die richtige Meinung sei. „Aber ich möchte doch kein Magengeschwür bekommen, weil ich alles hinunterschlucke.“ 

Mit seiner zweiten Frau Monika lebt Sepp Maier in der Nähe von München, einen Teil des Jahres verbringt das Paar in der Zweitwohnung in Südtirol. „Eigentlich hatte ich zwei Leben“, sagt der drahtige Ex-Profi. „Eins vor meinem schweren Autounfall und eins danach.“ Den Schlüssel zum Glück barg ein Fußball, den er im Alter von sechs Jahren gegen eine Uhr eintauschte, um ihn – überglücklich – mit ins Bett zu nehmen. Mit acht Jahren spielte er im TSV Haar, mit 15 Jahren wechselte er in die Jugendmannschaft des FC Bayern, fünf Jahre später wurde er Torwart beim FC Bayern. Mit 699 Spielen hält Sepp Maier den Rekord als Torhüter, gewann dreimal den Europapokal der Landesmeister, einmal den Europapokal der Pokalsieger, viermal den DFB-Pokal und viermal die Deutsche Meisterschaft. Geht noch mehr? Ach ja, den Weltpokal im Jahre 1976. 

„In meinem ersten Leben habe ich nur für den Sport gelebt.“ So ging es mit dem Energiebündel immer nur bergauf – bis zum 14. Juli 1979. Regennasse Straße, Aquaplaning, zu schnell unterwegs. Sein Mercedes: Totalschaden. Sein Körper: Totalschaden. Sein Lebensretter: Uli Hoeneß. Der besuchte den 35jährigen auf der Intensivstation, sah, dass er immer wieder das Bewusstsein verlor und befahl die sofortige Verlegung nach München. Die Not-OP rettete dem FC-Bayern Torwart das Leben, eine Stunde später wäre es aus und vorbei gewesen. 

Danach war alles anders. Viele hätten daraufhin mit ihrem Schicksal gehadert, nicht so Sepp Maier, den auch sein urkomischer Humor über so manches hinwegrettete. „Man soll nicht zurückblicken, man soll dem Alten nicht hinterherlaufen. Ich selbst sehe immer das Positive!“ In China heißt es, man komme auf 33 Momente des Glücks im Leben – an wie viele erinnert sich Sepp Maier spontan? „Was? 33 nur? Haha, ich habe 365 Glückstage – jedes Jahr!

Und wirklich, Sepp Maier hat in seinen 73 Jahren, die er jetzt lebt, immer nur das Gute gesehen. In seiner zweiten Lebenshälfte holte ihn Franz Beckenbauer als Torwarttrainer zum Erstligisten zurück, wo er noch mal 25 Jahre dabei war. „Aber irgendwann ist es vorbei mit dem Fußball, man kann nicht mit 70 oder 80 Jahren immer noch auf dem Fußballplatz stehen. Und auch dann ist das Leben super, muss ich sagen.“

Seinem Lieblingssportartikel ist Sepp Maier treu geblieben: Mit einem Ball beschäftigt er sich immer noch täglich. Nur ist der Ball jetzt viel, viel kleiner und härter und wird nicht getreten bzw. von ihm gehalten – sondern geschlagen. Der Ex-Torwarttrainer geht mit seiner Frau Monika heute täglich auf den Golfplatz und legt dabei zehn bis zwölf Kilometer zurück. Nach 40 Jahren mit täglichem Gymnastikpensum hat er dieses Soll mehr als erfüllt, findet er. Das fröhliche Paar liebt das gemeinsame Golfen und verbindet diese Leidenschaft auch gerne mit dem einen oder anderen Urlaub. 

Seitdem „die Katze von Anzing“, wie er jahrelang genannt wurde, sein Sportzentrum im gleichen Ort verkauft hat, bleibt ihm mehr Zeit, sein Leben zu genießen. Das Paar unternimmt viele Schiffsreisen, ob an die Arktis oder nach Kanada, zum Golfen nach Irland oder an Nord- und Ostsee. Wieder ein Kreuzchen auf dem Glückskalender: Riesige Vorfreude auf die Reise, und nach zwei bis drei Wochen Freude aufs Wieder nach Hause kommen.

„Man kann in seinem Leben nicht auf sein Glück warten“, betont der Niederbayer. „Man muss penetrant ausdauernd sein, man muss sein Glück erzwingen!“ Dazu gehört (nicht nur beim Sport) etwas immer und immer wieder zu versuchen. Irgendwann klappt es und man ist glücklich wie nie. Natürlich braucht man dazu Fleiß und Ehrgeiz, aber irgendwann ist das Glück da. „Diese Leute, die immer nur warten und jammern, dass bei ihnen alles schief geht im Leben – die sind oft ein bisschen selbst schuld daran. Denn warten kann man nicht auf sein Glück, man muss es schon herausfordern!“

Fakten

Fakten

Josef Dieter Maier wurde am 28. Februar 1944 in Metten geboren und machte mit 14 Jahren eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Er ist zum zweiten Mal verheiratet und hat eine Tochter aus erster Ehe. Bis zu seinem Autounfall mit 35 Jahren zählte er zu den besten Torhütern der Welt, gilt mit 95 Spielen als Rekord-Torhüter der Nationalmannschaft und mit 699 Pflichtspielen als Rekordspieler des FC Bayern. Er unterstützt die José Carreras Leukämie Stiftung und freut sich jeden Tag über sein Leben. Auf seiner „Seppsite“ zeigt er, wie er Japanern Schnupftabak schmackhaft macht.

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Journalist

Katja Deutsch

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