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BIOGAS IST EINE SINNVOLLE ERGÄNZUNG IM MIX DER ERNEUERBAREN ENERGIEN.

Gülle als Energiequelle

Seit Beginn der 1980er-Jahre setzen immer mehr Landwirte auf Biogasanlagen, um den eigenen Strombedarf zu decken und ein zweites Einkommen zu erwirtschaften.

Aus dem, was bei der Viehzucht zwangsläufig als Nebenprodukt auf dem Stallboden landet, Energie zu erzeugen, mit der landwirtschaftliche Maschinen betrieben, das Haus geheizt, das Getreide getrocknet werden kann: Was so bestechend simpel und sinnvoll klingt, ist komplex und erfordert sorgsame Umsetzung. Gründliche Information, exakte Planung und gewissenhafte Durchführung sind das A und O, um eine Anlage ökonomisch und ökologisch erfolgreich zu betreiben.

Deutschlandweit gab es Ende 2015 fast 9000 Biogasanlagen. Mit ihrer Leistung von mehr als 4000 Megawatt, so teilte der Fachverband Biogas e. V. Anfang Juli 2016 mit, versorgten sie bereits gut acht Millionen Haushalte mit Strom. Für viele Landwirte ist die Energieerzeugung neben der eigenen Nutzung zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. Unternehmen, die ausschließlich eine Anlage betreiben und keinen Agrarbetrieb bewirtschaften, sondern mit Zulieferungen aus der Landwirtschaft arbeiten, kamen im Laufe der Jahre hinzu. Ebenso zum Beispiel städtische Einrichtungen, die in großen Biogas- und Kompostwerken etwa die organischen Abfälle aus Küche und Garten, die in Biotonnen gesammelt werden, als Energiequelle nutzen.

Gefördert wurde die Entwicklung in Deutschland seit dem Jahr 2000 durch das Gesetz für den Ausbau Erneuerbarer Energien (Erneuerbare-Energien-Gesetz/EEG), das die Bewahrung fossiler Ressourcen sowie die Weiterentwicklung alternativer Technologien im Sinne des Klima- und Umweltschutzes zum Ziel hat und die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen ins Stromnetz regelt. Gesundheitliche Folgen der Verschmutzung der Luft durch fossile Brennstoffe, Umweltschäden unter anderem durch klimatische Veränderungen und die Risiken der Nutzung von Kernenergie sollen reduziert und langfristig vermieden werden.

Vom Einsatz des alternativen Biogases als Energiequelle profitiert die Umwelt: Bei der Verbrennung wird nur jene Menge an Kohlenstoffdioxid freigesetzt, die die genutzten Pflanzen zuvor der Atmosphäre entzogen haben. Anders als fossiles Methan im normalen Erdgas belastet das Biogas die Atmosphäre nicht mit zusätzlichen Mengen klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids. Der konsequente Einsatz tierischer Exkremente in Biogasanlagen, so der Fachverband Biogas e. V. in einer Pressemitteilung von Anfang August, würde zu einer Reduzierung der unkontrollierten Methan-Freisetzung aus Gülle mit einem CO2-Äquivalent von bis zu 21 Millionen Tonnen pro Jahr führen. Bei den Güllekleinanlagen sei noch deutlich Luft nach oben: Lediglich ein Fünftel der anfallenden Gülle werde aktuell genutzt.

Biogas, da herrscht breiter Konsens in der Branche, ist eine sinnvolle Ergänzung im Mix der Erneuerbaren Energien. Anders als Windkraft und Photovoltaik unterliegt die Erzeugung des Methans keinen wetter-, jahres- oder tagezeitabhängigen Schwankungen: Ob es schneit, die Sonne untergegangen ist oder tagelang Flaute herrscht – Energie aus Biogasanlagen steht kontinuierlich zur Verfügung. Erzeugt wird das Gas, indem Biomasse in einem Abbauprozess ohne Sauerstoff von Mikroben vergoren wird – und die verrichten ihre Arbeit ohne Pause rund um die Uhr. Als Substrat werden neben Gülle oder Abfällen aus dem landwirtschaftlichen Betrieb nachwachsende Rohstoffe wie Mais-, Getreide- oder Grassilage eingesetzt. Der geplante Einsatzstoff ist einer der Aspekte, die bei der Planung einer Biogasanlage eine entscheidende Rolle spielen.

Steht Gülle oder Festmist zur Verfügung oder gibt es Anbauflächen für Energiepflanzen? Die Art des Einsatzstoffes entscheidet über die Technik, mit der das Substrat im Fermenter vergoren wird: Ist der Vorgang ein- oder zweistufig? Wird nass oder trocken fermentiert? Daneben ist die Menge der eingesetzten Substratpflanzen entscheidend, um das Volumen des sogenannten Fermenters – des Behälters oder Tanks, in dem der Gärprozess unter Ausschluss von Sauerstoff stattfindet – zu bestimmen. Auch die Verweildauer des Substrats im Tank spielt dabei eine Rolle. Bei der Planung der Anlage und ihres wirtschaftlichen Einsatzes ist zudem relevant, ob vorhandene Bausubstanz genutzt werden kann oder welcher Motor eingesetzt wird. Für die Wirtschaftlichkeit ebenso wie für den Schutz der Umwelt sind regelmäßige Wartungen der Anlage sowie Kontrollen der Funktionsweise und des Einsatzes der Betriebsmittel erforderlich.

Ob sich die Investition langfristig rechnet, hängt auch von der Nutzung möglicher Zuschüsse und von der Höhe der Einspeisevergütung ab. Mit der aktuellen Novelle des EEG wird diese bei Anlagen ab einer Leistung von 150 kW künftig nicht mehr politisch festgelegt, sondern auf wettbewerbliche Ausschreibungen umgestellt. Eine Regelung, die die Fachverbände der Bioenergiebranche in einer gemeinsamen Pressemitteilung zwar als Ansatz werten, den massiven Rückbau von Biogasanlagen zu verhindern. Jährlich, so sieht es die Novelle vor, können Anlagen im Umfang von 150 Megawatt installierter Leistung in den Jahren 2017 bis 2019 sowie von 200 MW in den Jahren 2020 bis 2022 neu gebaut oder nach Auslaufen ihrer EEG-Vergütung weiterbetrieben werden. Mittelfristig, so die Forderung der Verbände, müsse das Ausschreibungsvolumen jedoch deutlich angehoben werden, um der Branche eine Perspektive zu geben.



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