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„Aus eigenen Zellen gezüchtete Organe könnten in einigen Jahren Standard sein“ – Prof. Dr. Karl Max Einhäupl

Prof. Dr. Karl Max Einhäupl, Neurologe und Vorstandsvorsitzender der Charité-Universitätsmedizin Berlin, erwartet große Fortschritte bei der Züchtung von Zellen. 

Am weitesten entfernt von großen Erfolgen ist man hier bei der Herstellung von Nerven.

Ein erkranktes Organ eines Patienten routinemäßig aus dessen eigenen Zellen züchten und damit ersetzen – diesem Traum kommen wir täglich ein kleines Stückchen näher. Denn wenn auch die flächendeckende Umsetzung noch einige Jahre dauern wird, so tüfteln Universitätskliniken und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt derzeit an der Herstellung von Organen, Haut und sogar Nerven aus körpereigenen Zellen.

Wer ein neues Organ benötigt, ist bisher meist auf Spender angewiesen – nach Skandalen um Spenderherzen und -nieren oftmals ein schwieriges Unterfangen. Wie auch bei künstlich hergestellten Organen aus Plastik und Metall entwickeln Patienten oft Abstoßungsreaktionen. „Heute generiert man Organe, indem man dem Patienten seine eigenen Zellen entnimmt und daraus über ein Organoid ein Ersatzorgan züchtet“, erklärt Prof. Dr. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Denn das eigene Gewebe hat immer den großen Vorteil, dass es von immunologischer Seite her keine Abwehrreaktionen hervorruft.“

Die Resultate sind Meilensteine auf dem Weg der Transplantationsmedizin: ob künstlicher Uterus, künstliche Hände und Füße, künstliche Haut oder eine künstliche Speiseröhre – für Unfall- oder Tumorpatienten wachsen täglich die Hoffnungen auf ein Ersatzorgan, das aus ihren eigenen Zellen besteht. Dabei wird der Prozess der Fertigung teilweise auch von 3D-Druckern übernommen, samt Gefäßen und Poren. „Am weitesten entfernt von großen Erfolgen ist man hier bei der Herstellung von Nerven“, so Prof. Dr. Einhäupl. „Was dagegen schon recht gut klappt, ist die Koppelung zwischen den Nerven des Patienten und den ersetzten Organen.“

„Bis Querschnittgelähmte wieder laufen können, wird es noch dauern. Doch es gibt bereits relativ gute Ergebnisse, mittels Steuerung durch das Gehirn seine Prothesen zu bewegen“, so der Neurologe, der die regenerative Medizin als zentrales Thema der Medizin der Zukunft sieht. Leidet man heute an einer Herzerkrankung mit insuffizienten Herzzellen, dann liegt das daran, dass man zu viele Herzzellen infolge eines Infarktes oder einer anderen Krankheit verloren hat. Diese zu züchten und wieder einzubringen, ist sicherlich eines der ganz großen Ziele der Forschung.

Prothetik in Bestform bei Heinrich Popow

Der Neurologe plädiert für eine flächendeckende Vernetzung von Krankenhäusern, gerade in Bezug auf das große Stadt-Land-Gefälle. Bei Vorkommnissen wie einem Schlaganfall zählt jede Minute, angefangen von der richtigen Diagnose bis hin zur sofortigen Behandlung. Die Expertise hoch ausgebildeter Spezialisten kann darüber entscheiden, ob ein Patient stirbt, den Rest seines Lebens schwerbehindert bleibt oder nach einer Weile gesund nach Hause gehen darf. „Durch gute Vernetzung, zu der ganz grundlegend eine gute Netzabdeckung gehört, können Ärzte in abgelegenen Kliniken umgehend Koryphäen großer Klinken kontaktieren und von deren Expertise per Videokonferenz profitieren. Zu dieser Art telemedizinischer Zusammenarbeit werden an der Charité etliche Initiativen betrieben.“

Bei der Behandlung von Schlaganfällen spielt auch die bildgebende Diagnostik eine große Rolle, denn „nach dem Schlaganfall ist vor dem Schlaganfall“, erklärt der Charité-Chef weiter. „Die gesamte Bildgebung wird so verfeinert, dass man heute auch bei Schlaganfällen viel leichter Risikoindikatoren definieren kann. Wer viele kleine Schlaganfälle hatte, wird mit ziemlicher Sicherheit auch einen schweren bekommen, hoher Blutdruck und Vorhofflimmern sind zusätzliche Gefahren.“ Bei familiärer Vorbelastung sollte man in einer Untersuchung die Risiken abklären lassen.

Bei Vernetzung und telemedizinische Behandlung wird hierzulande schnell die Frage nach Datenschutz laut. „Wir werden versuchen, die Balance zwischen Datenschutz und Datensicherheit zu halten“, so der Experte. „Hundertprozentige Sicherheit wird es zwischen all diesen Technologien jedoch niemals geben“, ist sich Prof. Einhäupl sicher. Bisher liegt Deutschland bei den Ausgaben für IT und auch bei der Durchdringung mit Netzen europaweit eher hinten. Eine gut gesicherte digitale Sicherheitsarchitektur bewahrt deshalb die meisten Kliniken vor Hackerangriffen, erschwert aber auch den gegenseitigen Austausch. An der Charité kümmert sich ein Chief Digital Officer um sämtliche Bereiche der digitalen Transformation.

Auch der Einsatz von Robotern gehört zu den medizintechnologischen Errungenschaften, die Ärzten wie Patienten große Vorteile bieten. Dabei unterstützen Roboter den Chirurgen beispielsweise durch das Zusammenspiel von Röntgenaufnahmen des Organs und dem Operationsritus. Eine andere Möglichkeit ist nicht der Blick auf stark vergrößerte Aufnahmen, sondern der durch eine Brille, in der Chirurgen im 3D-Verfahren die Darstellung des zu operierenden Organs gezeigt bekommen. Der Charité-Chef geht davon aus, dass kein Roboter der Welt in absehbarer Zeit erfahrene Chirurgen und Pflegekräfte ersetzen wird. „Aber sehr stark unterstützen werden sie.“

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Journalist

Katja Deutsch

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